EMV-Schaltschrank
Anforderungen & Aufbau

Aktualisiert:

Was elektromagnetische Verträglichkeit bedeutet, welche Normen gelten und mit welchen konstruktiven Maßnahmen ein Schaltschrank EMV-gerecht wird — verständlich erklärt vom Hersteller.

Überall, wo Frequenzumrichter, getaktete Netzteile, Servoantriebe oder Funktechnik im Spiel sind, entstehen elektromagnetische Störungen. Ein EMV-gerechter Schaltschrank sorgt dafür, dass diese Störungen weder nach außen dringen (Störaussendung) noch die eigene Elektronik beeinträchtigen (Störfestigkeit). Ohne EMV-Konzept drohen sporadische Fehlfunktionen, Datenfehler und — bei fehlender Konformität — rechtliche Probleme beim Inverkehrbringen.

Kurzantwort: EMV (elektromagnetische Verträglichkeit) ist die Fähigkeit eines Geräts, in seiner Umgebung störungsfrei zu funktionieren und andere nicht zu stören. Ein EMV-Schaltschrank erreicht das durch eine durchgängig leitfähige, geschlossene Schirmhülle: leitende Verbindungen aller Gehäuseteile, EMV-Dichtungen, einen niederohmigen Potentialausgleich und geschirmte Kabeleinführungen. Maßgeblich ist die EMV-Richtlinie 2014/30/EU.

Was bedeutet EMV genau?

EMV hat zwei Seiten:

Der Schaltschrank wirkt dabei wie ein Faradayscher Käfig: Eine geschlossene, leitfähige Hülle schirmt elektromagnetische Felder ab. Die Schirmwirkung wird in Dezibel (dB) Schirmdämpfung gemessen — je höher, desto besser.

Relevante Normen

In der Praxis heißt das: Die Konformität erklärt der Errichter der fertigen Anlage — der Schaltschrankhersteller liefert dafür die EMV-gerechte Ausführung samt Dokumentation zu. Wer beides aus einer Hand bezieht, vermeidet Schnittstellenprobleme beim Nachweis.

Konstruktive Maßnahmen für einen EMV-Schaltschrank

Schirmdämpfung konkret: Was bedeuten die dB-Werte?

Die Schirmdämpfung wird logarithmisch in Dezibel angegeben — kleine Zahlenunterschiede bedeuten große Wirkungsunterschiede:

SchirmdämpfungFeldstärke wird reduziert aufEinordnung
20 dB1/10 (10 %)Grundschirmung — geschlossener Stahlkorpus ohne besondere Maßnahmen
40 dB1/100 (1 %)Gute Schirmung — leitend verbundene Flächen, EMV-Dichtungen an den Türen
60 dB1/1.000 (0,1 %)Hohe Schirmung — durchgängiges EMV-Konzept inkl. Kabeleinführungen, messtechnisch nachgewiesen

Zur Einordnung der Störquellen: In Industrieanlagen dominieren Frequenzumrichter mit steilen Schaltflanken (Störspektrum bis in den MHz-Bereich), Schaltnetzteile und geschaltete Induktivitäten. Von außen wirken Funkdienste, Mobilfunk und ESD-Entladungen auf die Technik ein. Beide Richtungen — Emission wie Immunität — laufen über dieselben Schwachstellen des Gehäuses.

Entscheidend ist: Die Schirmwirkung ist frequenzabhängig und wird von der schwächsten Stelle bestimmt. Jeder ungeschirmte Spalt, jede lackierte Kontaktfläche und jede unsauber eingeführte Leitung wirkt wie ein Schlitz im Faradayschen Käfig — je höher die Störfrequenz, desto kleiner die Öffnung, die bereits durchlässig wird. Deshalb entscheidet die konstruktive Ausführung (Dichtungen, Kontaktierung, 360°-Schirmauflage) mehr über das Ergebnis als das Blech selbst. Welcher Wert nötig ist, ergibt sich aus der Störumgebung und der Empfindlichkeit der Technik — den Nachweis liefert die Messung am fertigen Schrank.

Worauf es bei der Auswahl ankommt

Ein EMV-Schaltschrank ist immer ein Zusammenspiel aus Gehäuse (leitfähige Konstruktion, EMV-Dichtungen) und fachgerechter Verdrahtung (Schirmauflage, Potentialausgleich, Leitungsführung). Beides muss stimmen — das beste Gehäuse nützt wenig, wenn die Schirme der Kabel nicht korrekt aufgelegt sind. Für eine geprüfte Gesamtlösung empfiehlt sich die Fertigung aus einer Hand.

Häufige Fragen — EMV-Schaltschrank

Wann brauche ich einen EMV-Schaltschrank?

Immer dann, wenn starke Störquellen und empfindliche Technik zusammenkommen: Frequenzumrichter und getaktete Leistungselektronik im Schrank, empfindliche Sensorik und Messtechnik in der Nähe, Funkanlagen am Standort — oder wenn die Anlagenspezifikation die Einhaltung der EN 61000-6-2/-6-4 ausdrücklich fordert. Auch umgekehrt gilt: Wer Störungen an benachbarten Anlagen verursacht, haftet über die EMV-Richtlinie 2014/30/EU.

Reicht ein normaler Stahlschrank nicht aus?

Ein geschlossener Stahlkorpus bietet eine Grundschirmung — oft genügt das. Die Schwachstellen sind aber Türspalte, lackierte Kontaktflächen und Kabeleinführungen: Dort entweichen und dringen Felder ein. Die EMV-Ausführung schließt genau diese Lücken mit leitfähigen Dichtungen, blanken Kontaktstellen und geschirmten Durchführungen — erst dann wirkt der Schrank durchgängig als Faradayscher Käfig.

Was ist der häufigste Fehler beim EMV-Aufbau?

Die Schirmauflage der Kabel: Wird der Kabelschirm nur über einen dünnen, verdrillten „Pigtail" angeschlossen statt großflächig (360°) auf eine Schirmschiene aufgelegt, bricht die Schirmwirkung genau an dieser Stelle zusammen. Auf Platz zwei: fehlender oder zu hochohmiger Potentialausgleich zwischen Tür, Montageplatte und Korpus.

Ist ein EMV-Schaltschrank auch staub- und wasserdicht?

EMV-Dichtung und IP-Dichtung sind zwei verschiedene Funktionen: Die eine stellt elektrische Leitfähigkeit über den Spalt her, die andere dichtet gegen Staub und Wasser. Beide lassen sich kombinieren — ZPAS liefert EMV-Ausführungen auch mit IP 54/55. Mehr zur Schutzart: IP-Schutzklassen erklärt.

Die passende ZPAS-Lösung

ZPAS bietet Schaltschränke in EMV-Ausführung mit leitfähiger Konstruktion und EMV-Dichtungen — die Schirmdämpfung wird messtechnisch nachgewiesen. Über die Abteilung Schaltschrankbau & Verdrahtung liefert ZPAS auf Wunsch den komplett bestückten, EMV-gerecht verdrahteten und geprüften Schrank. Die EMV-Variante lässt sich auch im Schaltschrank-Konfigurator als Türausführung anfragen. Zur Produktübersicht: → ZPAS Schaltschränke & Industriegehäuse.

Über den Autor

Dominik Rudy · Geschäftsführer, ZPAS GROUP GmbH

Dominik Rudy ist Geschäftsführer der ZPAS GROUP GmbH in Leipzig. Er verantwortet den Direktvertrieb des Herstellers ZPAS im DACH-Raum und begleitet Projekte von der technischen Auslegung bis zur Lieferung ab Werk.

LinkedIn-Profil →  ·  dominik.rudy@zpasgroup.de

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